Das Gerücht von den Lobbyisten

Acht Thesen
1. In der bürgerlichen Gesellschaft sind höchstens an der Wahlurne alle gleich. Nicht nur Wohlstand, auch Einfluß, Macht und die Verfügung über die Produktionsmittel sind in der Tat sehr ungleich verteilt. Das ist für diese Gesellschaftsformation genauso konstitutiv wie die Klassenjustiz, ganz entgegen anderslautenden Gerüchten. Widerstreitende Interessen hingegen sind vermutlich für jede (irdische und humane) Gesellschaft konstitutiv. Hierin sind sich die bürgerliche Ideologie von der offenen Gesellschaft und die kommunistische Gesellschaftskritik (Klassengesellschaft) einig.
2. Im Gegensatz zu einer Gesellschaft werden in einer Gemeinschaft divergierende Interessen der Einzelnen bestenfalls informell ausgehandelt, oft aber auch autoritär unterdrückt und mit Ausschluß geahndet. Harmonie ist nicht zu haben.
3. Lobbyisten arbeiten für die Interessen ihrer Auftraggeber. Als Interessenvertreter repräsentieren sie verschiedenste gesellschaftlíche Gruppen, Regionen, Wirtschaftssektoren usw.
4. Lobbyisten haben, wie auch Spekulanten, Bankangestellte, Broker und Analysten von Ratingagenturen, derzeit einen extrem schlechten Ruf, um nicht zu sagen: Sie gelten vielen als der Inbegriff, die Inkarnation des Übels, der dunklen Macht. Bei den anderen Genannten bezieht sich dieses Ressentiment auf die Ökonomie, bei den professionellen Interessenvertretern aber auf die Gesellschaft insgesamt.
5. Lobbyisten heißen Lobbyisten, weil sie im Vorraum, der Halle vor dem Parlament, arbeiten, wo sich Abgeordnete und nicht dem Parlament angehörige Personen, Lobbyisten, treffen und kommunizieren können. Sie praktizieren gesellschaftliche Interessenkampf. Kriminelle Praktiken, also Erpressung (vermutlich selten) oder Bestechung (zumindest in den soften Formen vielleicht häufiger) mögen vorkommen, die Standardpraktiken jedoch sind die des Informierens, des Argumentierens und des Forderns und all das relativ öffentlich und eher unverbindlich.
6. Aus gesellschaftskritischer Sicht lassen sich zweifellos alle Beteiligten, inclusive der noch nicht genannten Spitzenverbände, welche die Lobbyisten für ihre Arbeit bezahlen, umstandslos als Angehörige der herrschenden Klasse einsortieren, von denen ma ja generell weiß, was von ihnen zu halten ist. Diese Kritik richtet sich jedoch gegen die Gesellschaftsformation als Ganzes, nicht gegen einzelne Exponenten und ihre Funktion innerhalb des herrschenden Betriebs.
7. Im Gegensatz dazu zielt das Ressentiment gegen Lobbyisten – tatsächlich untergeordnete Agenten, Parlamentäre zwischen ihren ungleich mächtigeren AuftraggeberInnen und den Parlamentarierern – auf die Vernebelung, ja Negierung der tatsächlichen gesellschaftlichen Interessenauseinandersetzung als solcher.
8. Ergo: Mit dem Lobbyisten liefern die Herrschenden dem dummen Volk nicht nur ein Bauernopfer, einen Sündenbock ans Messer, sie bringen die Beherrschten gleichzeitig noch dazu, hinter ihrem Rücken der Volksgemeinschaft das Wort zu reden, in der sie dann überhaupt nichts mehr zu kammellen haben.


1 Antwort auf „Das Gerücht von den Lobbyisten“


  1. 1 Ergologisch 01. August 2011 um 23:08 Uhr

    Änderungsvorschlag:

    8. Ergo: Mit der vom eigentlichen Begriff entfernten Konstruktion der sog. Lobby, bzw. den damit personifizierte sog. Lobbyist_Innen, liefern sich die Erstversuche einer falschen, bzw. verkürzten „Kapitalismuskritik“ selbst der Schmach der schlechteren Verhältnisse aus. Wären es doch eigentlich die Herrschenden die sie anzugreifen hätten. Doch das wohlweislich dummgehaltene (sozial schwächer gestellte) sog. Volk, erweist sich damit im indirekteren Klassenkampf als besonders zweckdienlich, wenn es darum geht Sündenböcke der antisemitischen Projektion zu finden und ans Messer zu liefern, eine typische Funktion von Herrschaft. Die Beherrschten bringen sich (denn sie werden nur indirekt dazu gebracht) gleichzeitig noch dazu, sich selbst – statt „dem Staat“, „Deutschland“, oder „der Nation“ – in den Rücken zu fallen, sich nicht nur gegenseitig fertig zu machen („Mittelschicht“ vs. Unterschicht vs. „Die da Oben“), sondern der „Volksgemeinschaft“ das Wort zu reden, in der sie dann selber überhaupt nichts mehr zu kammellen haben und nur noch schlimmer – bis zum Exitus – beherrscht werden…

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